3. Schutz- und Risikofaktoren
Als Prädiktoren für die Entwicklung einer Folgeerkrankung werden Ereignisfaktoren, die das Trauma begleiten, und Schutz- und Risikofaktoren angesehen. Diese Merkmale werden derzeit intensiv beforscht, liegen allerdings noch nicht als gesicherte Ergebnisse vor.
Als Ereignisfaktoren gelten die Traumaschwere, z. B. haben durch Menschen verursachte langdauernde Traumen, wie Folter und KZ-Haft, eine schlechte Prognose, ferner spielen die Unerwartetheit mit der das Ereignis eintritt und die Kontrollierbarkeit eine Rolle. Gelingt es einem Opfer einen Rest an Kontrolle und Autonomie zu bewahren, ist die Prognose günstiger. Weitere Faktoren sind Depression, extreme Angst und katastrophierende Zukunftserwartungen. Die erlebte Schmerzintensität stellt keinen Risikofaktor dar.
(Melbeck, 2001)
Ein ganz wesentlicher Faktor ist der Einsatz von Dissoziation (Trennung von Erleben und Gefühl), um die überwältigenden körperlichen und seelischen Schmerzen des Erlebens abzuspalten und gleichsam schwebend aus der Entfernung zu erleben.
"Eine Dissoziation im Moment des Trauma schien der wichtigste Prädiktor für die Entwicklung einer chronischen PTSD zu sein."
(van der Kolk, 2000, 91)
Oft wird dissoziatives Verhalten später beibehalten. Dissoziation bewirkt dann zwar "eine schützende Trennung von überwältigenden Affekten, hat aber auch das subjektive Gefühl des »Totseins« und der Isolation zur Folge."
(van der Kolk, 2000, 179)
Als Schutzfaktoren gelten ein ausgeprägter Kohärenzsinn, der ermöglicht das Ereignis in einen Lebenszusammenhang einzuordnen und ihm irgendeinen wie auch immer gearteten Sinn zuzuschreiben, die sichere Einbindung in ein tragfähiges soziales Netz und adäquate und verständnisvolle Unterstützung nach einem Trauma durch professionelle Helfer, Familie, Freunde, Kollegen und Behörden und geeignete individuelle Ressourcen und Bewältigungsstrategien. Auch das Reden über die durchlittene Erfahrung verbessert die subjektive Befindlichkeit.
(Maercker, 1997, 36)
Einige wenige Menschen verfügen über besondere Gaben, die einer Bewältigung dienlich sind: "Besonders belastbare Menschen sind überdurchschnittlich kommunikativ, bewältigen Anforderungen reflektiert und aktiv und sind in hohem Maße davon überzeugt, dass sie ihr Schicksal meistern können."
(Herman, 1998, 86)
Als Risikofaktoren gelten das Alter zum Zeitpunkt der Traumatisierung, je jünger ein Mensch ist, desto schwerwiegender die Verletzung, auch alte Menschen scheinen aufgrund ihrer schwindenden seelischen und körperlichen Kräfte besonders gefährdet zu sein, außerdem früher bereits gemachte belastende Erfahrungen (z. B. ungünstige Kindheit, Kriegserlebnisse) und vorliegende psychische Störungen und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozioökonomischen Schicht.




