Hinweis: Ihr Browser kann die Seite nicht optimal darstellen. Weitere Informationen.
Logo der Berliner Feuerwehr
Belastungsfaktoren / Krankheitsbilder
Sie befinden sich hier:   Wir über uns  /  Einsatznachsorge  /  PTBS  /  Belastungsfaktoren / Krankheitsbilder  

Belastungsfaktoren und (mögliche) Krankheitsbilder

Menschen sind oder können im Laufe ihres Lebens einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt sein, die vielfältige Formen der Bewältigung erfordern oder auch so überwältigend sein, dass sie die Copingstrategien eines Menschen überfordern.

Zuerst ein Überblick über mögliche Belastungen und ihre Einstufung nach Schweregraden:

 

Skala der Schwere der psychosozialen Belastungsfaktoren bei Erwachsenen (nach DSM-III, Achse IV)
Begriff Akute Ereignisse
(Beispiele)
Länger andauernde Lebensumstände
(Beispiele)
Leicht
  • Auseinanderbrechen der Freundschaft mit Freund/in
  • Schulbeginn oder -abschluß
  • Familiäre Streitigkeiten
  • Unzufriedenheit mit der Arbeit
  • Leben in einer Wohngegend mit hoher Kriminalität
Mittel
  • Heirat
  • Trennung der Ehepartner
  • Arbeitsplatzverlust, Pensionierung
  • Mißerfolge
  • Eheprobleme
  • Schwerwiegende finanzielle Probleme
  • Ärger mit dem Vorgesetzten
  • Alleinerziehender Elternteil
Schwer
  • Scheidung
  • Geburt des ersten Kindes
  • Arbeitslosigkeit
  • Armut
Sehr schwer
(extrem)
  • Tod eines nahen verwandten
  • Diagnose einer schweren körperlichen Erkrankung
  • Opfer einer Vergewaltigung
  • Eigene schwere chronische Erkrankung oder Erkrankung des Kindes
  • Fortwährende Misshandlung oder sexueller Mißbrauch
Katastrophal
  • Tod eines Kindes
  • Selbstmord eines nahen Angehörigen
  • Verheerende Naturkatastrophe
  • Gefangennahme als Geisel
  • Erfahrungen im Konzentrationslager

(Möller, 1996, 208)

 

Nach belastenden Ereignissen können eine Vielzahl von Symptomen auftreten, die nach einer gewissen Zeit von selber verschwinden oder sich Krankheitsbilder unterschiedlicher Schweregrade entwickeln.

Nach oben

Krankheitsbilder

Klassifikation

Schon Janet z. B. beschrieb die Auswirkungen von psychischen Traumata.

Nach dem I. Weltkrieg wurden umfassende Untersuchungen an Veteranen von Abram Kardiner durchgeführt und publiziert. Danach geriet das Thema lange Zeit in Vergessenheit und wurde erst als eine Folge des Vietnamkriegs "wiederentdeckt". Das Interesse in der allgemeinen und wissenschaftlichen Forschung unterlag unberechenbaren Schüben. Vorliegende Erkenntnisse wurden ignoriert und jeder Forscher begann wieder neu mit seinen Untersuchungen. Nachdem die PTSD 1980 offiziell in die psychiatrische Nomenklatur eingeführt worden war, löste dies eine Explosion von Untersuchungen und Veröffentlichungen und eine zaghaftes, jetzt stärker werdendes Interesse und Bewusstsein in der Öffentlichkeit aus.

 

 

 

Im ICD-10 werden folgende Krankheitsbilder nach Traumata beschrieben:

Akute Belastungsreaktion F 43.0
Posttraumatische Belastungsstörung F 43.1
Anpassungsstörung nach Trauma F 43.2
Somatoforme Störung nach Trauma F 45.0
Aktualisierung von Neurosen F 45.0
Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung F 62.0
Dissoziative Störung F 44

 

 

Im folgenden ein Überblick über mögliche Verläufe:

 

Verlauf von Belastenden Einsätze

(Möller, 1996, 217)

 

Nach oben

Akute Belastungsreaktion

Unter einer akuten Belastungsreaktion wird eine vorübergehende Störung von beträchtlichem Schweregrad verstanden, die sich bei einem psychisch nicht gestörten Menschen als Reaktion auf eine außergewöhnliche körperliche und/oder seelische Belastung entwickelt.

"Das auslösende Ereignis kann ein überwältigendes traumatisches Erlebnis mit einer ernsthaften Bedrohung für die Sicherheit oder körperliche Unversehrtheit des Patienten oder einer geliebten Person (Personen) sein (z. B. Naturkatastrophen, Unfall, Krieg, Verbrechen, Vergewaltigung) oder eine ungewöhnliche plötzliche und bedrohliche Veränderung der sozialen Stellung und/oder des Beziehungsnetzes des Betroffenen wie etwa Verluste durch mehrere Todesfälle, einen Brand oder ähnliches."

(Weltgesundheitsorganisation, Internationale Klassifikation psychischer Störungen. ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien, 2. korr. Auflage, Bern, Göttingen, Toronto: Huber, 1993, 168; im folgenden mit ICD abgekürzt)

 

 

Ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung liegt bei körperlicher Erschöpfung oder organischer Beeinträchtigung vor.

Die auftretenden Symptome sind gemischt und wechselhaft:

zuerst tritt eine Betäubung auf, die sich entweder durch Rückzug oder auch einen Unruhezustand mit Überaktivität bemerkbar macht. Danach kommt es zum vermehrten Auftreten vegetativer Zeichen wie Tachykardie, Schwitzen und Erröten. Andere Symptome sind Angst, Ärger, Verzweiflung und eine teilweise oder vollständige Amnesie.

Die Erscheinungen klingen nach Minuten, Stunden oder wenigen Tagen ab.

Nach dem Entfernen der Person aus der belastenden Umgebung sind die Symptome rasch rückläufig; besteht die Belastung weiter, klingen die Symptome nach 24-48 h ab und sind nach 3 Tagen nur noch minimal vorhanden.

 

 

Posttraumatische Belastungsstörung

  • wiederholte unausweichliche Erinnerung
  • emotionaler oder sozialer Rückzug
  • vegetative Übererregtheit.

(Möller, 1996, 210)

 

Die PTSD wird in den Klassifikationssystemen unterschiedlich zugeordnet: im ICD wird sie zu den Belastungsstörungen, im DSM (in den USA gebräuchliche psychiatrische Nomenklatur) zu den Angststörungen gezählt.

 

Das Krankheitsbild wurde erst 1980 in die psychiatrische Nomenklatur aufgenommen und 1990 der internationalen Klassifikation der Weltgesundheitsorganisation hinzugefügt.

 

Nach oben

Symptome der PTSD nach DSM-IV (Übersetzung durch Maercker und leichte Modifikation) Symptome der PTSD nach dem ICD-10
A Ereigniskriterium:
Die Person hat ein traumatisches Erlebnis erlebt, das beiden folgenden Bedingungen genügt:
  • Die Person erlebte oder beobachtete eine oder mehrere Ereignisse, in der eine potentielle oder reale Todesbedrohung, ernsthafte Verletzung oder eine Bedrohung der körperlichen Versehrtheit bei sich oder anderen geschah,
  • Die Person mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagierte.
A
Die Betroffenen sind einem kurz- oder langanhaltenden Ereignis oder Geschehen von außergewöhnlicher Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß ausgesetzt, das nahezu bei jedem tiefgreifende Verzweiflung auslösen würde.
B Symptomgruppe:
Erinnerungsdruck
(ein Symptom für Diagnose notwendig)
  • Intrusionen
  • Belastende Träume bzw. Alpträume
  • Nachhallerlebnisse
  • Belastung durch Auslöser
  • Physiologische Reaktionen bei Erinnerung
B
Anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben der Belastung durch aufdringliche Nachhallerinnerungen, lebendige Erinnerungen, sich wiederholende Träume oder durch innere Bedrängnis in Situationen, die der Belastung ähneln oder mit ihr in Zusammenhang stehen
C Symptomgruppe: Vermeidung/emotionale Taubheit (drei Symptome für Diagnose notwendig)
  • Gedanken- und Gefühlsvermeidung
  • Aktivitäts- oder Situationsvermeidung
  • (Teil-)Amnesien
  • Interesseverminderung
  • Entfremdungsgefühl
  • Eingeschränkter Affektspielraum
  • Eingeschränkte Zukunft
C
Umstände, die der Belastung ähneln oder mit ihr im Zusammenhang stehen, werden tatsächlich oder möglichst vermieden. Dieses Vermeiden bestand nicht vor dem belastenden Ereignis.
D Symptomgruppe:
Chronische Übererregung
(zwei Symptome für Diagnose notwendig)
  • Ein- und Durchschlafschwierigkeiten
  • Erhöhte Reizbarkeit
  • Konzentrationschwierigkeiten
  • Hypervigilanz
  • Übermäßige Schreckreaktion
D
Entweder 1. oder 2.
  1. Teilweise oder vollständige Unfähigkeit, einige wichtige Aspekte der Belastung zu erinnern
  2. Anhaltende Symptome (nicht vorhanden vor der Belastung) mit zwei der folgenden Merkmale:
    • Ein- und Durchschlafstörungen
    • Reizbarkeit oder Wutausbrüche
    • Konzentrationschwierigkeiten
    • Hypervigilanz
    • Erhöhte Schreckhaftigkeit
E Dauer der Beeinträchtigung (Symptome der Kriterien B, C und D) ist länger als 1 Monat. E
Die Kriterien von B, C und D treten innerhalb von 6 Monaten nach dem Belastungsereignis oder nach Ende einer Belastungsperiode auf. (In einigen Fällen kann ein späterer Beginn berücksichtigt werden, dies sollte aber gesondert angegeben werden.)
F
Die Störung verursacht klinisch bedeutsame Belastungen oder Beeinträchtigungen im sozialen und Berufsbereich sowie anderen wichtigen Funktionsbereichen.
 

(Maercker, 1997, 11 + 12)

 

Nach oben

Die Zeitspanne der Erkrankung besteht mindestens einen Monat und kann sich von selber rückbilden, mit Psychotherapie behandelt werden oder auch chronifizieren; dabei stellt "die Entwicklung von chronischen Symptomen eher die Ausnahme als die Regel dar."

(van der Kolk, 2000, 162)

 

Symptome der PTSD können unabhängig vom Trauma durch kritische Lebensereignisse ausgelöst und aufrechterhalten werden. Die Folgen einer Erkrankung können übermäßiger Alkoholkonsum, Drogeneinnahme und Suizidalität sein. So leiden z. B. Kriegsveteranen mit ausgeprägter PTSD zu 85% unter schwerwiegenden Alkohol- und Drogenproblemen.

(Herman, 1998, 68)

 

Anpassungsstörung

Anpassungsstörungen sind das Produkt eines gestörten Anpassungsprozesses nach einschneidenden Lebensveränderungen oder nach belastenden Lebensereignissen. Die Belastung kann akut im Verlust einer engen Beziehungsperson oder einer gravierenden Änderung der sozialen Umgebung, wie bei Emigration oder Flucht oder als chronische Belastung bei großen familiären oder beruflichen Schwierigkeiten bestehen.

 

Die Symptome sind depressive Verstimmung, Angst, dauernde Besorgnis, Beeinträchtigung der beruflichen Leistung und evtl. sozial destruktives Verhalten.

(Möller, 1996, 212/3)

 

Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung

Hat ein Mensch über lange Zeit chronische Traumata erleiden müssen, so kann sich eine komplexe PTSD ausbilden, die einen Menschen in seinem Lebensvollzug stark einengt.

"Bei Menschen, die über lange Zeit immer wieder traumatischen Erfahrungen ausgesetzt waren, kommt es zu einer heimtückischen, fortgeschrittenen Form der PTSD, die die Persönlichkeit verändert und zerstört... Wer ein chronisches Trauma erlitten hat, fühlt sich unwiderruflich anders oder verliert jegliches Gefühl für sich selbst."

(Herman, 1998, 122)

 

Dieses Krankheitsbild ist in den ICD-10 aufgenommen worden und wird dort mit folgenden Merkmalen beschrieben: "feindliche oder misstrauische Haltung der Welt gegenüber, sozialer Rückzug, Gefühl der Leere und Hoffnungslosigkeit, chronisches Gefühl von Nervosität wie bei ständigem Bedrohtsein und Entfremdung."

(Möller, 1996, 214)

 

Sehr viel differenzierter ist dieses Krankheitsbild von Judith Herman beschrieben und als Komplexe posttraumatische Belastungsstörung bezeichnet worden.

 

Kurzbezeichnung Erläuterungen
Gestörte Affekt- und Impulsregulation Keine Feinabstufung der Gefühlsausdrücke möglich.
Leichte Erregbarkeit in zwischenmenschlichen Situationen und Kommunikationen, Ärger und Zorn dominiert. Eigene selbstzerstörerische Tendenzen (z. B. erhöhte Suizidneigung). Es gibt Hinweise darauf, dass die komplexe PTSD bei Patienten auftritt, die auch klassische PTSD-Symptome haben.
Dissoziative Tendenzen Anhaltende Aufmerksamkeitsstörungen und wiederholte psychogene Bewusstseinstrübung. Häufige Amnesien und zeitweises Depersonalisationserleben.
Somatisierungsstörungen und körperliche Erkrankungen Häufige psychogene Beeinträchtigung bzw. manifeste Krankheiten, z. B. Verdauungsstörungen, chronische Schmerzen, kardiopulmonale Symptome, Konversionssymptome und gestörte Sexualität
Beeinträchtigtes Identitätsgefühl Ausgeprägte Überzeugung ein beschädigtes Leben zu führen, das nicht mehr zu reparieren ist, bzw. ausgeprägte Überzeugungen, im Leben etwas falsch gemacht zu haben, dafür verantwortlich zu sein. Permanente Schuld- und Schamgefühle anderen Personen gegenüber
Interpersonelle Störungen Gestörte Wahrnehmung des Täters/Angreifers bis hin zu dessen Idealisierung. Exzessive Beschäftigung mit Rachephantasien. Unfähigkeit zur gleichberechtigten partnerschaftlichen Interaktion. Anfälligkeit für überspannte Ansichten.
Reviktimisierungsneigung Exzessives Risikoverhalten erzeugt häufige Gefährdungssituationen mit der gleichen Traumagefahr (z. B. wieder vergewaltigt zu werden), Drang, die Plätze zu besuchen, an denen das Trauma geschah und die immer noch gefährlich sein können. Mögliche Tendenz, andere zu Opfern zu machen (z. B. Vergewaltigungsopfer werden später zu Vergewaltigern).
Allgemeiner Sinnverlust Verlust früherer Orientierungen, Hoffnungen, Motivstrukturen und persönlichkeitsstabiliserenden Überzeugungen.

(Tabelle 1.2 Symptome und Symptomkonstellationen der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung , zusammengefasst nach Herman, 1992, Maercker, 1997, 17)

 

 

Komorbidität

Eine PTSD kann mit vielfältigen komorbiden Störungen einhergehen:

  • Angststörung
  • Depression
  • Suizidalität
  • Medikamenten-, Alkohol- und Drogenmissbrauch oder -sucht
  • Somatisierungsstörungen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen

 

Die Erforschung psychischer Traumata hat eine lange und wechselvolle Geschichte. Ihre Anfänge gehen bis ins 19. Jahrhundert zurück.

Nach oben