Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)
Die auftretenden Symptome der PTSD lassen sich in 3 Hauptgruppen zusammenfassen:
Intrusionen
Im Wachzustand und in Träumen drängen sich belastende Erinnerungen auf, die vom Betroffenen als überwältigend erlebt werden. "Das Trauma stoppt jeden normalen Entwicklungsverlauf, indem es immer wieder in das Leben des Opfers eindringt."
(Herman, 1998, 58)
Bemerkenswert ist, dass Traumatisierte das Ereignis immer wieder so erleben als würde es gerade geschehen. "Die intensive Dichte der fragmentierten Gefühle, der Bilder ohne Text, verleiht der traumatischen Erinnerung eine gesteigerte Realität."
(Herman, 1998, 60)
"Die empfundenen Gefühle liegen außerhalb des gewöhnlichen Erfahrungsspektrums und überfordern das gewöhnliche Vermögen, Gefühle auszuhalten."
(Herman, 1998, 65)
Direkt nach traumatischen Erlebnisse auftretende Intrusionen sind eine normale Reaktion auf bedrohliche Erfahrungen; sie dienen der Modifikation von Gefühlen und führen in den meisten Fällen zur Tolerierung des Inhalts der Erinnerungen. Gelingt die Integration nicht, werden die Intrusionen pathogen und führen zu einer Organisation des Lebens um das Trauma herum.
(van der Kolk, 2000, 29/30)
Intrusionen dienen der Akkomodation (Lernen aus Erfahrung und Planung heilender Handlungen) und Assimilation (Akzeptanz und Integration des Geschehens und Anpassung an neue Erwartungen).
Vermeidung/Betäubung
Die Vermeidung umfasst Versuche, die Erinnerung zurückzudrängen oder mit dem Trauma verbundene Aktivitäten auszuführen. Damit geht ein emotionales Betäubungsgefühl sich selbst, anderen Menschen und dem Leben gegenüber einher. "Das Opfer nimmt die Mühe, die es kostet, intrusive Symptome abzublocken, zwar zu seinem eigenen Schutz auf sich, verschlimmert damit jedoch das posttraumatische Syndrom, denn der Versuch, ein Wiedererleben des Traumas zu vermeiden, führt sehr oft zu einer Einengung des Bewußtseins, einem Rückzug aus zwischenmenschlichen Beziehungen und zu einer emotionalen Verarmung."
(Herman, 1998, 65)
Jeder Mensch bildet im Laufe seiner Entwicklung kognitive Schemata aus, in denen er sich Selbst (Identität), seine Wirksamkeit, seinen Bild vom "anderen" und dem Funktionieren der Welt, letztlich den Sinn allen Lebens entwickelt. Diese Selbstdefinition enthält Kernkonzepte; diese beinhalten auch die Fähigkeit, innerpsychische Zustände zu regulieren und Verhaltensreaktionen auf externe Belastungen zu zeigen. Die aus der Erfahrung gebildeten Schemata fungieren als Landkarten, die die alltägliche Wahrnehmung, Handlungen und Erwartungen strukturieren.
"Probleme der Selbstdefinition" führen zu:
- Störungen in der Ich-Wahrnehmung, wie z. B. ein Gefühl des Isoliertseins, Verlust autobiographischer Erinnerungen und Störungen der Körperwahrnehmung
- Ungenügende Affektmodulation und Impulskontrolle, einschließlich aggressiver Handlungen gegen sich selbst und andere; und
- Unsicherheit in Beziehungen, wie z. B. Misstrauen, Argwohn, Mangel an Vertrauen und Isolation.
(van der Kolk, 2000, 173)
Negative Auswirkungen auf die Identität:
"Traumatisierten Menschen gelingt es oftmals nicht, ein persönliches Gefühl von Bedeutung, Kompetenz und ihres inneren Wertes aufrechtzuerhalten."
(van der Kolk, 2000, 26)
Zum Vergleich eine Gegenüberstellung kognitiver Schemata von traumatisierten und nicht-traumatisierten Menschen.
| Typische Einstellung nicht-traumatisierter Personen | Einstellungen traumatisierter Personen |
|---|---|
|
Eine traumatisierte Person sieht
|
(Maercker, 1997, 30)
Traumatische Erfahrungen haben verheerende Wirkung auf das Zugehörigkeitsgefühl zur Welt und das Selbst. "Traumatische Ereignisse erschüttern zwischenmenschliche Beziehungen in den Grundfesten. Sie zersetzen die Bindungen an Familie, Freunde, Partner und Nachbarn, sie zerstören das Selbstbild, das im Verhältnis zu anderen entsteht und aufrechterhalten wird. Sie untergraben das Wertesystem, das der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht. Sie unterminieren das Vertrauen des Opfers in eine natürliche und göttliche Ordnung und stoßen es in eine existentielle Krise."
(Herman, 1998, 77)
Sie zerstören das Selbst mit seinen Komponenten Selbstvertrauen, Urvertrauen und dem Glauben an eine gerechte Weltordung. "Das Trauma zwingt den Betroffenen, alle früheren Kämpfe um Autonomie, Initiative, Kompetenz, Identität und Intimität noch einmal durchzustehen."
(Herman, 1998, 79)
Traumata, ganz besonders durch nahe Bezugspersonen verursacht, schädigen das Urvertrauen nachhaltig. Wie Primo Levi bemerkte, wer einmal der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.
Übererregung
Der Körper befindet sich in einem Zustand der permanenten Übererregung mit einer gesteigerten Aktivität des autonomen Nervensystems.
(Möller, 1996, 8-10)
Dieser physiologische Erregungszustand hält unvermindert an.Ein normales waches, aber entspanntes Grundniveau fehlt. "Der belastendste Aspekt dieser Übererregung liegt wohl in der Generalisierung der Bedrohung. Die Welt wird zunehmend zu einem unsicheren Ort."
(van der Kolk, 2000, 38)
"Aus physiologischer Sicht existiert eine Absenkung der Reizschwelle und aus psychologischer Sicht eine erhöhte Bereitschaft für Angstreaktionen."
(van der Kolk, 2000, 198)
Diesen Gruppen lassen sich Einzelsymptome zuordnen:
Intrusionen
Unter Intrusionen werden spontan wiederkehrende und belastende Erinnerungen verstanden. Das Auftreten geschieht unbewusst, und wird mitunter auch durch Schlüsselreize hervorgerufen. Ihre Intensität reicht von unangenehm bis zum Überwältigt werden.
"In Form von visuellen Bildern, olfaktorischen, auditiven oder kinästhetischen Empfindungen oder intensiven Wellen von Gefühlen, die der Behauptung der Patienten zufolge zentrale Elemente des ursprünglichen traumatischen Ereignisses darstellen," erfolgt eine bruchstückhafte sensorische Wiedererinnerung.
(van der Kolk, 2000, 229)
Belastende Träume bzw. Alpträume
In wiederkehrenden Träumen tauchen Erinnerungen oder Fragmente des Traumas auf. In Alpträumen wird das Trauma oft verzerrt wiedergegeben. Alpträume verlaufen oft jahrelang nach dem immer selben Muster. Alpträume kommen auch in Schlafphasen vor, in denen man normalerweise nicht träumt.
Erinnerungsattacken
Kennzeichen dieser sog. "Flash Backs" ist ihre Plötzlichkeit und Lebendigkeit. Diese Phänomene sind meist nur kurzdauernd und gehen mit dem Gefühl einher, das Geschehen noch einmal zu durchleben. Erinnerungsattacken können mit Illusionen, Halluzinationen und dissoziativen Verkennungszuständen einher gehen.
Belastung durch symbolisierende Auslöser
Schlüsselreize wie gleiche Gegenstände, Geräusche, Düfte, aber auch Jahrestage oder die Darstellung der Thematik (z. B. im Film) rufen regelmäßig belastende Erinnerungen an das Trauma wach.
Die Auslöser müssen nicht unbedingt als solche erkannt werden und können mit der Zeit so subtil und generalisiert werden, dass bereits völlig irrelevante Stimuli zur Reaktion führen.
(vgl. van der Kolk, 2000, 34)
Die Fähigkeit intensive, aber irrelevante Stimuli richtig einzuschätzen und ein angemessenes Niveau physiologischer Erregung zu mobilisieren, ist gestört.
(vgl. van der Kolk, 2000, 90)
Physiologische Reaktionen bei Erinnerung
Bei der Konfrontation mit traumatischen Schlüsselreizen sowie Erinnerungen treten unwillkürliche Körperreaktionen wie Schwitzen, Zittern, Atembeschwerden, Herzklopfen oder -rasen, Übelkeit oder Magen-Darmbeschwerden oder starke Ängste auf.
Somatisierung
Oft werden Somatisierungen ausgebildet zu denen der Betreffende den Zusammenhang zwischen Erkrankung und Trauma nicht mehr herstellen kann. "The body keeps the score" (van der Kolk nach Melbeck, 2001)
Reinszenierung des Traumas
Der Versuch, die gefahrvolle Situation wiederzuerleben und diesmal den richtigen Ausweg zu finden, führt oft zu Reinszenierungen von Situationen.
Bei diesen Reinsszenierungen des Trauma. kann die Person entweder die Rolle des Täters oder des Opfers annehmen.
- Gewalttätiges und kriminelles Verhalten. Reinsszenierung einer Schädigung sind eine Hauptursache von Gewalt in der Gesellschaft.
- Selbstzerstörerisches Verhalten. Sebstzerstörerische Handlungen kommen häufig bei mißbrauchten Kindern vor.
- Reviktimisierung. Viele traumatisierte Personen werden weiterhin reviktimisiert.
(van der Kolk, 2000, 35/36)
Wiederholungen verursachen weiteres Leiden für das Opfer und die betroffenen Mitmenschen.
Hier gibt es Unterschiede im Geschlechterverhalten: Männer neigen sehr viel eher dazu ihre Aggressionen an anderen auszulassen; Frauen werden eher wieder unterdrückt und verletzen sich selbst.
(Herman, 1998, 158)
VERMEIDUNG/BETÄUBUNG
Gedanken und Gefühlsvermeidung
Der Betroffene vermeidet bewusst Gedanken und Gefühle, die ihn an das Trauma erinnern. Strategien, die benutzt werden sind z. B. Gedankenstoppversuche und Selbstkommentare. Die Strategien werden unabhängig vom Erfolg der Bemühungen eingesetzt.
Aktivitäts- und Situationsvermeidung
Aktivitäten oder Situationen (wie Orte des Geschehens, bestimmte Tageszeiten) die an das Trauma erinnern, werden phobisch vermieden.
(Teil-)Amnesien
Wichtige Elemente oder das ganze Ereignis, kann nicht mehr erinnert werden, es herrschen unscharfe oder fragmentierte Erinnerungen vor.
Leistungsverminderung
Das Interesse an wichtigen Aktivitäten des privaten und beruflichen Alltags ist deutlich vermindert.
Entfremdungsgefühl
Der Betroffene empfindet ein Gefühl der Fremdheit und des Losgelöstseins von anderen Personen, die nicht die gleiche traumatische Erfahrung gemacht haben. Die Kluft zwischen sich und anderen wird als subjektiv unüberwindbar empfunden.
Die Zerstörung des sozialen Misstrauens ist umfassend gegen die Umwelt gerichtet. (vgl. Jonathan Shay, Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust, Hamburg: Hamburger Edition 1998, 71) Traumatisierte Menschen entwickeln besonders feine Antennen für unbewusste und nonverbale Kommunikation, sie haben keine "normalen" Beziehungen und schwanken zwischen intensiver Zuneigung und verängstigtem Rückzug. Mitmenschen werden bestimmte Rollen zugewiesen und ihr Verhalten beobachtet. "Da kaum jemand die ständigen, strengen Prüfungen des Vertrauens bestehen kann, zieht sich das Opfer im Lauf der Zeit mehr und mehr aus allen Beziehungen zurück."
(Herman, 1998, 131)
Eingeschränkter Affektspielraum
Die Betroffenen fühlen sich wie erstarrt und abgestumpft und erleben ihr Gefühlsleben als zerstört. Sie haben die Fähigkeit verloren jemanden zulieben, sich zu freuen, zu trauern oder Mitleid zu empfinden.
Traumatisierte neigen dazu intensive negative Gefühle wie Furcht, Angst, Wut und Panik als Reaktion auf selbst unbedeutende Stimuli zu erfahren. Die Reaktion folgt unmittelbar auf den Stimulus ohne dass dem Handelnden bewusst sein muß, was ihn so aufregt. Die Reaktionsweise ist übertrieben und offen aggressiv oder die Patienten verschließen sich und erstarren.
Ein niedriges emotionales Ausdrucksniveau führt zu einer Beeinträchtigung der Immunfunktion und zu vermehrter körperlicher Krankheit.
Eingeschränkte Zukunft
Der Betroffenen hat das Gefühl, daß das Trauma Jahre seines Lebens unwiderbringlich zerstört hat und dass nichts wichtiges im Leben mehr passieren kann. Pläne und ein Zukunftsentwurf werden nicht mehr gemacht.
Dadurch berauben sich Traumatisierte auch oft der Chance, durch erfolgreichen Umgang mit neuen Situationen die Wirkung des Traumas abzumildern.
ÜBERERREGUNG
Ein- und Durchschlafschwierigkeiten
Die Schlafstörungen können mit Intrusionen und Alpträumen einhergehen.
Erhöhte Reizbarkeit
Die Neigung zu erhöhter Reizbarkeit und Wutausbrüchen kann oft von den Betroffenen nur schlecht selbst beurteilt werden.Problem der explosiven aggressiven Reaktion:
"Die Aggressivität des traumatischen Neurotikers ist nicht beabsichtigt oder vorsätzlich. Seine Aggression ist immer impulsiv; sie kann nicht lange durchgehalten werden. Völlig episodisch, alterniert sie häufig mit Stimmungen extremer Zärtlichkeit."
(van der Kolk, 2000, 198)
Konzentrationsschwierigkeiten
Der Betroffenen hat ausgeprägte Schwierigkeiten sich auf einfache Abläufe, wie ein Buch lesen, Lernen, Filme sehen etc. zu konzentrieren. In diesen Momenten treten bewusst oder unbewusst intrusive Erinnerungsschübe auf.
Übermäßige Wachsamkeit/Hypervigilanz
Mit gesteigerter Wachsamkeit wird die Umgebung sondiert. Der Betroffene hat ein ständiges Gefühl des Nicht-Trauen-Könnens, verbunden mit einem fortdauernden und unrealistischen Gefährdungsgefühl.
Übermäßige Schreckreaktion
Der Betroffene ist sehr leicht, auch schon durch leichte Geräusche und Bewegungen, zu erschrecken.Diese Reaktion tritt nicht nur bei auditiver Stimulation, sondern auch in Reaktion auf Temperatur, Schmerz und plötzlicher taktiler Stimulation auf.
(vgl. van der Kolk, 2000, 198)
Das Auftreten von Intrusion und Vermeidung wird als die Dialektik des Traumas bezeichnet, da sie sich gegenseitig bedingen und verstärken.
Häufig geht der Zusammenhang zwischen den traumatischen Symptomen und ihrem Auslöser verloren, die Symptome verselbständigen sich ohne dem Betroffenen oder dem Arzt Auskunft über das Trauma geben zu können.




