Gesellschaftliche Dimension
Die Geschichte der Menschen ist eine Geschichte, die mit Blut geschrieben wurde. Zu allen Zeiten fand Aggression zwischen einzelnen Menschen, Stämmen und Völkern statt, wurden Kriege geführt und waren Menschen Unfällen und Naturkatastrophen ausgesetzt.Diese Bedrohung menschlichen Lebens führte zu einer Bindung an die Gemeinschaft, um sich gegenseitig Schutz, Halt und Unterstützung zu geben und zur Entwicklung von Trauermechanismen (wie Riten, Gedenktage u. ä.), um Erlebnisse zu überwinden.
Nach einer Traumatisierung ist es von erheblicher Bedeutung, welche Form und in welchem Umfang dem Individuum oder auch Gruppen, Unterstützung gewährt wird. Ein Fehlverhalten, z. B. von einer ermittelnden Behörde, kann die Wirkung des Traumas verschlimmern oder selbst traumatisierend wirken. Die empathische soziale Unterstützung ist ein Faktor, der die Genesung wesentlich beeinflusst und der Entwicklung von Belastungsstörungen vorbeugen kann.
Nach akuten Traumata, wie Erdbeben, Großschadensfälle etc. ist die allgemeine Hilfsbereitschaft recht groß. Dieser Großzügigkeit sind enge Grenzen gesetzt, wenn die Hilfebedürftigkeit andauert und sich die Situation des Opfers nicht wendet, dann wird dessen Klage bald als lästig und übertrieben empfunden.Leid ist unangenehm. Es erinnert daran, dass jedes Leben gefährdet und verletzlich ist und eine Grundsicherheit immer nur partiell und zeitweise besteht.
Leid wird dann individualisiert. Dem Opfer wird aufgetragen, doch endlich zu vergessen und/oder sich zusammenzureißen. Den Soldaten nach den Weltkriegen wurde Willensschwäche, Feigheit oder soziale Habgier, die sich auf die Gewährung einer Rente stützt, unterstellt. In Deutschland wurde und wird die Entschädigungspraxis restriktiv gehandhabt. (vgl. Entschädigungspraxis für ehemalige Zwangsarbeiter).Leid erzeugt, eine Mit(-schuld), die unangenehm ist. Deshalb wird dem Opfer primär die Verantwortung für sein Unglück gegeben, denn guten Menschen kann nichts Schlechtes widerfahren. "...mißhandelte Menschen wirken hilflos und passiv, sind gefangen von ihrer Vergangenheit, leiden unter hartnäckigen Depressionen und somatischen Beschwerden und haben häufig Wutausbrüche...All das macht den Umgang ... schwierig. Mußten traumatisierte überdies Beziehungen, moralische Normen oder ihre Loyalität zur Gemeinschaft verraten, werden sei noch strenger verurteilt. ... Manchmal geht man mit den Opfern härter ins Gericht als mit den Tätern."
(Herman, 1998, 161)
Diese Sichtweise trifft u. a. auch Frauen, die vergewaltigt wurden. Oft wird unterstellt, dass die Frauen ihre Vergewaltiger provoziert hätten. Im allgemeinen wird selbst heute noch Vergewaltigung als Kavaliersdelikt eingeordnet.
"Nach konventioneller gesellschaftlicher Auffassung gelten die meisten Vergewaltigungen nicht als Gewaltverbrechen....Sie (die Frauen) lernen, dass die Vergewaltigung sie nicht nur verwundet hat, sondern sie entehrt. ... Statt dessen weist man ihnen die Schuld zu, weil sie angeblich ihre moralischen Werte verraten und ihre Niederlage selbst herbeigeführt haben."
(Herman, 1998, 98)
"Die traditionelle Rechtsprechung erkennt eine Vergewaltigung nur dann als Verbrechen an, wenn der Vergewaltiger sehr gewalttätig vorgeht, d. h. sehr viel mehr Gewalt anwendet, als normalerweise nötig ist, um eine Frau in Angst zu versetzen, oder wenn er eine Frau angreift, die zu einer gesellschaftlich besonders geschützten Gruppe gehört."
(Herman, 1998, 104)
Den Opfern wird unterstellt, nicht genügend Gegenwehr entwickelt oder Charakterstärke besessen zu haben.
Den Juden und anderen Opfergruppen wird vorgeworfen, dem Terror nicht durch massiven Widerstand Einhalt geboten zu haben.
Soldaten des Vietnamkrieges haben die schmerzhafte Erfahrung gemacht, ihren Anstand verloren zu haben und zu Killern geworden zu sein. Einige Männer haben Dinge getan, die sie nie für möglich gehalten hätten. Jonathan Shay beschreibt wie der Verstoß gegen Fairness und Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen durch Vorgesetzte traumatische Wirkung erzeugt. Er nennt dieses Phänomen einen Treuebruch, an "dem, was recht ist".
"Zerstörung der Konvention (Homers THÉMIS) durch Handlungen eines anderen kann ... stabile Charaktere ... zerstören. Sie kann ganz einfach zur Entmenschlichung führen., zum völligen Verlust menschlicher Beziehungen."
(Nussbaum in Shay, 1998, 67)
Gesellschaft als Ganzes und in ihren kleinen Einheiten beruht auf Machtverhältnissen, die selbst, wenn sie nicht missbräuchlich genutzt werden, gegeben sind.
Um den einzelnen und die Gesamtheit zu schützen, wurde in einem fortlaufenden Diskurs eine gesellschaftliche Konvention entworfen, die als sittliche Ordnung, normative Erwartung, Ethik oder allgemein verbindliche gesellschaftliche Werte bezeichnet werden. (Bei Homer findet sich die Beschreibung in dem einen Wort thémis). Eine Verletzung kann verheerende Folgen haben, weil sie das Vertrauen in soziale Beziehungen nachhaltig erschüttert.
Bei bestimmten Traumata wird die Gesellschaft zum Mit-Täter durch wegsehen, leugnen und verdrängen oder unbeteiligtes zuschauen.
Deshalb ist es für viele Opfergruppen wichtig, das Bewusstsein in der Gesellschaft wachzuhalten.
Es wäre jedoch zu einfach, "der Gesellschaft" die Schuld für interpersonale Trauma zu geben, denn Gesellschaft ist eine untrennbare Durchdringung von Individuum und Gemeinschaft.
Trauma ist etwas Fremdes, das wenn man nicht das Pech hat Erleidender zu sein, die anderen trifft.
Die Medien greifen bereitwillig Tragödien auf und servieren Katastrophen ins heimische Wohnzimmer. Der mediale Blick ist distanziert und voyeurhaft und reduziert menschliches Leid zu einem trivialen, konsumierbaren Produkt.
Vor einigen Jahren hat ein Photojournalist den 1. Preis für ein Photo bekommen, das zeigt wie nach einem Erdrutsch in Südamerika eine Frau in den Schlammmassen versinkt.
Die Geschichte der Menschheit wird auch weiter mit Blut geschrieben werden. Durch erweitertes Wissen kann gezielte Prävention und Therapie geleitstet und ein waches gesellschaftliches Bewußtsein und Unterstützung können die schlimmsten Folgen für die Opfer, wenn nicht verhindert, so doch gemildert werden.




